Nachwuchs Baumwollfarmerin mit ambitionierten Zukunftsplänen👩🏼‍🌾

Mein Boss Barry hat an meinem ersten Tag direkt darauf bestanden ein Foto für Mama zu machen :D

Seit dem 30.01. befinde ich mich nun in Boomi, NSW nahe der Grenze zu QLD. Boomi wird auch als ‘Border Town’ bezeichnet, da es der letzte Ort zwischen den beiden Staaten ist. Die nächsten, größeren Orte mit Supermärkten sind Moree, NSW (95km Entfernung) und Goondiwindi, QLD (85km Entfernung).

In Boomi lebe ich auf einer gemischten Broadacre Farm ‘Cambooya’ - großflächiger Ackerbau mit über tausend Hektar. Es ist oft üblich, dass viele Farmen den Ackerbau mit Viehzucht kombinieren - in diesem Fall beschäftigen wir uns jedoch nur mit dem Ackerbau.

Baumwolle (Cotton) ist der Hauptanbau - mit manuellen Bewässerungssystemen (Irrigated) und im Trockenfeldanbau (Dryland). Demnach wird die eine Seite der Felder mit Pumpen manuell bewässert - dies erwirbt qualitativ hochwertigere Erzeugnisse. Die andere Seite hängt von der Feuchtigkeit im Boden und vom saisonalen Regenfall ab.

Zudem werden in den Trockenfeldern auch Getreide und Hülsenfrüchte angebaut. Nach meinem Wissen begrenzt sich das hier meistens auf Weizen (Wheat), Gerste (Barley) und Kichererbsen (Chickpeas).

Die sechsmonatige Arbeit auf der Farm verhilft mir zu meinem nächsten und letzten Working Holiday Visum (3rd year Working Holiday). Bis September 2022 muss ich mir eine Alternative überlegen, wie ich weiterhin in Australien verweilen könnte. Dazu mehr am Ende dieses Blogbeitrags.

Diese Farm ist teil einer größeren Firma (PTY Limited was einer deutschen GmbH entspricht) und hat mehrere Grundstücke zwischen Boomi und Moree.

Wie auf dem oberen Bild zu sehen - Cambooya ist aus mehreren Ackern zusammengesetzt, die früher einmal im individuellen Besitz waren.

Cambooya wird seit Jahren von meinem Boss Barry (und Hund Rebel) geführt. Neben Barry gibt es noch Avi - sozusagen Barrys Assistent, da er die Farmleitung eines Tages übernehmen soll.

Alle Arbeiter leben natürlich auch auf der Farm. Barry hat sein eigenes Haus mit seiner Frau (neben ihrem privaten Eigentum in Goondiwindi). Avi lebt auf der anderen Seite der Farm in einem kleinen Häuschen mit seiner Frau Eden und ihren beiden Söhnen Layne und Clifford. Eden und ich sind in den vergangenen sechs Monaten auf der Farm sehr gute Freundinnen geworden.

Es gibt noch ein paar vereinzelte kleinere Häuschen, die für kleine Familien vorgesehen sind. Der Rest der Arbeiter (Farmhands) leben in den gemischten Wohnbaracken (Donga), in denen jeder ein individuelles, kleines Schlafzimmer hat. Küche, Wohnzimmer und Badezimmer werden sich geteilt.

Mein kleines, gemütliches Reich❤️

Der alte Schurschuppen für Schafe (Shearing Shed) im Hintergrund

In den ersten Wochen bevor die erste Flut Ende März kam, war ich so gut wie jeden Tag im Traktor mit dem Zwischenreihen-Hacker unterwegs. Dieses Spezialgerät hat ein separates GPS System installiert und sorgt für nahezu perfekte Reihen. Es bearbeitet den Acker tiefgründiger, um den Boden aufzubrechen und tiefere Schichten zu lockern. Dieser Hacker benötigt mehr Kraft da man je nach Bedarf bis zu einem halben Meter tief gräbt.

Es ist besonders wichtig, dass die Reihen makellos gerade sind, damit das Bewässerungswasser das gesamte Baumwollfeld gleichmäßig erreicht und nirgendwo staut.

Zudem vernichtet man mit dem Umpflügen Unkraut bzw. Volunteer Cotton. Volunteer Cotton sind Baumwoll-Überreste, die nach dem Pflücken zurückgeblieben und nachgewachsen sind.

Volunteer Cotton

Zwischenreihen-Hacker mit separatem GPS Gerät

Neben dem Zwischenreihen-Hacker hatte ich das Vergnügen mit einer Art Schleppkübel (Drag Bucket), der an das Heck des Traktors angehängt wird. Mit diesem Kübel werden Straßen nach Starkregen repariert und tiefe Auswaschungen mit Erde befüllt.

Mit dem Meißelpflug (Chisel Plough) habe ich die Trockenfelder gelockert ohne die Erde tatsächlich zu wenden. Dies ermöglicht Sauerstoff, Wasser und Nährstoffen, tiefer in den Boden zu gelangen, um das spätere Pflanzenwachstum zu optimieren.

Meißelpflug

Ende Februar kam Barry auf mich zu und meinte das Pub in Boomi, ‘Pioneer Hotel’, bräuchte etwas Hilfe in der Küche. Da ich zuvor in Mullaley im Pub gearbeitet habe, dachte er, ich hätte die richtige Einstellung dafür. Er hilft ab und zu hinter der Bar aus, demnach fing es Ende Februar an, dass wir gemeinsam ins Pub gingen - zur Arbeit, nicht fürs Bier :D

Seither helfe ich hier und da aus, manchmal mehrmals die Woche nach der Farmarbeit, manchmal nur alle paar Wochen. Die Arbeit macht viel Spaß, da die Besitzer sehr interessiert und dankbar sind und ich zudem auch immer gefüttert werde. Was will man mehr! :D

Zwischen Ende Februar und Ende März hat es relativ häufig in Strömen geregnet. Demnach wurde die Arbeit mit den Traktoren meist unterbrochen und in die Werkstatt verlegt.

Barry versucht seinen Arbeitern auch an Regentagen Arbeit anzubieten, da wir sonst unbezahlt in unseren Zimmern verwelken.

Die meisten Wege auf der Farm bestehen aus Schwarzerde/Chernozem, die einen hohen Tonanteil enthält. Wenn der Ton erstmal feucht wird, gibt es kein Entkommen - man versinkt meistens völlig. Demnach sollte man die Farm frühzeitig verlassen, wenn man Verreisen möchte und Regen angesagt wurde.

In der Werkstatt gab es einiges zu tun. Barry ist ein Orga/Sauberkeits-Freak, ähnlich wie ich selbst, demnach gab er uns einige Aufgaben in der Richtung.

Die geschlossene Hälfte der Werkstatt, die andere Hälfte ist überdacht, hat aber nur zwei Wände.

Ersatzteillager wurden neu sortiert, der Werkstatt Boden pausenlos blitzblank gefegt, Traktoren gewaschen und glänzend poliert und Anbaugeräte auseinander genommen, lackiert und zusammengesetzt oder repariert.

Ich habe unter anderem das erste mal ein Schleifgerät benutzt und versucht Avi ein paar Einsätze für seine Werkzeugkisten auf seinem Arbeitskarren anzufertigen.

Im Verlauf dieser Arbeiten bin ich auch direkt meiner ersten Rotrückenspinne ‘Redback Spider’ begegnet.

Rotrückenspinne (Redback Spider)

Ammoniak Gas als Stickstoffdünger für den Acker

Barry hat mich auf große Mission geschickt

Slide Gate/Water Control Gate

Tore, die Wasser ein- und auslassen

Anfang Mai begann die Pflück-Saison bzw. Baumwollernte auf Cambooya.

Ich hatte das Vergnügen die Baumwollstängel nach der Ernte mit dem Baumwoll-Häcksler ungefähr oberhalb des Bodens zu häckseln und als Mulch im Feld zu hinterlassen. Anschließend habe ich den Boden mit der Scheibenegge (Disc Harrow) bearbeitet, um die übrigen, kurzen Baumwollstängel und Wurzeln zu zerschneiden und flach in den Boden einzuarbeiten. Dieser Prozess verhindert ein unerwünschtes Nachwachsen und erleichtert die Neubepflanzung des Feldes in der nächsten Saison!

Bevor ich meine Arbeiten jedoch verrichten konnte, musste der Baumwollernter die Baumwolle erst pflücken, in Ballen pressen und dann ausladen. Anschließend wurden die Ballen von einem Traktor mit Ballengreifer-Anbaugerät aus dem Feld eingesammelt und am Rand in Reihen abgeladen. Hier wurden sie dann mit Gabelstaplern, Frontladern, etc. auf LKWs verladen, um zu den örtlichen Entkörnungsfabriken (Cotton Gin) zu transportieren.

Eine kleine (ungeplante) Unterbrechung führte zu einem weichen (jedoch kratzigen) Nickerchen :D

Einer meiner Kollegen, Paul aus North Carolina, USA, verließ uns während der Ernte, demnach musste ich seinen Job übernehmen und die restlichen Baumwollballen aus den zwei Feldern einsammeln. Die Ballen ordentlich aufzuheben war tatsächlicher schwieriger als erwartet!

Während wir die Baumwolle geerntet haben, durfte ich tatsächlich auch mal unseren großen John Deere Cotton Picker ausprobieren! Das war ziemlich cool, aber auch nervenaufreibend, da man relativ viel beachten muss und die Maschine andauernd piepst.

Da wir nur 127 Hektar Baumwolle in zwei Feldern angepflanzt hatten, waren wir nach vier Tagen fertig mit der Ernte. Dennoch hatten wir sämtliche technische und mechanische Probleme mit den Maschinen, die uns einiges an Zeit gekostet haben.

Es muss auch nicht extra betont werden, dass der schwere Regenfall während der Ernte nochmal extra Chaos mit sich gebracht hat.

Ende Mai, ungefähr drei Wochen nach Abschluss der Baumwollernte, ging es dann direkt über zur Weizen Aussaat.

Weizen Aussaat 2021

Weizen Samen

Eden hat immer ein gutes Auge für coole, spontane Schnappschüsse.

Eden hat mich an meinem Geburtstag im Juni zu sich nach Hause eingeladen, da ich sonst nichts anderes vorhatte.

Zu meiner Überraschung, hatte sie einen Kuchen organisiert, dekoriert und einen Blumenstrauß dazu gepackt. Das war eine super Überraschung, da der Tag sonst etwas einsam gewesen wäre.

Ein paar handgemachte Halstücher, um ein örtliches Unternehmen zu unterstützen!

Mitte Juli hat es wieder mal so viel geregnet, dass es die Durchgangsstraße von Boomi zur Farm erneut überschwemmt hat.

Paul - ein kunterbunter Charakter, wie man ihn sonst nirgendwo findet!

Oh wie viel Freude und Entertainment Paul uns jeden Tag bereitet hat - es wurde nie langweilig :D

Emu Eier, die ich beinahe mit der Scheibenegge kleingehäckselt hätte!

Ich habe inzwischen meinen internationalen Führerschein gegen einen australischen (NSW) Führerschein eingetauscht

Kommen wir nun zu meinen großen Zukunftsplänen oder wie ich es lieber nenne:

Große Idealvorstellungen meiner Zukunft, da Pläne in Zeiten von Corona einfach schlicht weg unmöglich sind!

Nachdem ich vor ein paar Monaten meine Passion als Bauer entdeckt habe, habe ich beschlossen, dass ich gerne Bachelor of Agriculture als dualen Zweig mit Bachelor of Business an der UNE in Armidale, NSW studieren möchte.

Das sind sehr große und sehr geldlastige Pläne, weswegen ich erstmal sehen muss, wie sich das ganze bewältigen lässt! Der Bachelor Abschluss wäre der erste Schritt, um der geplanten australischen Staatsbürgerschaft näher zu kommen!

Nach dem Bachelor Abschluss folgt dann ein Praxisjahr, in dem gelerntes, praktisch angewendet wird. Anschließend folgt ein Sponsorship Vertrag mit einer gewählten regionalen Organisation/Farm für 2-5 Jahre (abhängig vom jeweiligen Visum).

Danach sollte ich dann in der Lage sein PR (Permanente Aufenthaltsgenehmigung) beantragen zu können. Auf dem PR Visum muss ich dann mindestens vier Jahre bleiben, um dann endlich die Staatsbürgerschaft beantragen zu können.

All diese Angaben sind sehr wage und natürlich ohne Gewähr, da die Recherche jedes mal neue Fragezeichen aufbringt. Wenn du in Australien (und wahrscheinlich auch in anderen Ländern) einbürgern möchtest, dann musst du das alles auf eigene Faust unternehmen und kannst dich auf keine staatliche Hilfe verlassen!

Die Regierung scheint eigentlich kein Interesse zu haben einem zu helfen. Telefonisch wird man immer wieder nur von einem Amt zum nächsten geschickt und Antworten auf gestellte Fragen haben sie meistens auch nicht. Und dass die Online Formulare in kompliziertem Rechtsenglisch geschrieben sind, muss ich auch nicht zweimal sagen! :D

Die Geduld wird auf jeden Fall auf die Probe gestellt, aber wäre ja auch langweilig, wenn es alles zu einfach wäre!

In diesem Sinne, bis zum nächsten Mal!

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Weihnachten in Mullaley🎅🏼