'Dominion' und das vermeintlich friedliche Leben auf dem Land
Nach längerem hin und her wälzen im Bett, habe ich mich nun um 4 Uhr morgens dazu entschlossen, meine brennende Wut und Trauer doch niederzuschreiben.
Nach 2 Stunden random YouTube Videos anschauen, bin ich durch Zufall auf ein Video vom YouTuber 'Inscope21' gestoßen, indem er einen Baby Delfin isst, was sich letztendlich aber nur als eine Kooperation mit einem nachhaltigen Fischerunternehmen entpuppt hat. Der Delfin war nur eine Präparation und gegessen hat er tatsächlich nur einen Thunfisch.
Das Faszinierende an diesem Instagram Post ist, wie viele Hasskommentare er direkt nach Veröffentlichung dafür erhielt, einen Baby Delfin zu essen. Dass es ein einfacher Thunfisch war störte keinen, da dies in der Gesellschaft als völlig normal angesehen wird.
Daraufhin bin ich ziemlich neugierig geworden, was seine YouTube Kollegen dazu zu sagen hatten. 'MontanaBlack' äußerte sich ziemlich sarkastisch und treffend in einem vergangenen Livestream, es sei ja total unmoralisch einen Baby Delfin zu essen, aber das billig Fleisch aus unwürdigster Massentierhaltung sei für den Normalbürger moralisch in Ordnung und akzeptabel.
Genau das ist auch der springende Punkt mit dem ich mich besonders hier in Australien jetzt sehr oft auseinander setzen musste.
Unsere Gesellschaft sieht es als moralisch akzeptabel an Hühner, Kälber, Rinder und Schweine nahezu täglich zu konsumieren. Schaut man sich nun andere Länder wie China an, wo Hunde und Katzen in sehr altmodischen/konservativen Kulturen beliebt zu verzehren sind, schütteln wir nur den Kopf, ekeln uns davor und schauen respektlos auf diese Kultur herab.
Um ehrlich zu sein widert mich der Gedanke an, meine Haustiere anzubraten und kulinarisch mit Bratkartoffeln und Salat anzurichten, aber wer bestimmt denn nun darüber welche die akzeptablere Gesellschaft ist?
- Richtig, keiner, denn im Endeffekt sind es alles Lebewesen, die genauso Leid empfinden, wie wir Menschen und sich einen anderen Sinn für ihr zu kurz geratenes Leben wünschen. Einen anderen Sinn, als nur für unsere gierige und geizige Konsumgesellschaft gezüchtet und zum Teil ohne jede Gnade hingerichtet zu werden.
Genau das habe ich umso mehr realisiert seit ich in Tamworth lebe. Tamworth gehört eher zur australischen 'Countryside', voller Nutztier Farmen, Tier Shows (Rodeos mit Bullen und Pferden) oder auch Hobbys wie 'Pig Chasing' und 'Roo Shooting' - alles Aktivitäten, bei denen das Leid der Tiere nicht als Priorität angesehen wird und in einigen Fällen sogar absichtlich zur eigenen Freude ignoriert wird.
Natürlich gibt es immer Ausnahmen und Menschen, die liebevoll mit ihren Tieren umgehen, aber das ist eben leider nicht die Norm. Die bittere Wahrheit ist, dass der Großteil eben nicht so ist - besonders wenn es keiner sieht und es keine Zeugen gibt.
Wie das eben mit einigen Menschen auf dem Land ist, sind diese ganz anders aufgewachsen und darüber möchte ich auch keineswegs urteilen - Stadt und Land haben eben ihre Unterschiede. Auf dem Land aufgewachsen zu sein, gibt aber keinem Menschen das Recht unmoralisch mit Tieren umzugehen oder die ‘Erziehung’ als Entschuldigung für Misshandlung von Tieren zu nutzen! Auch wenn mir einige Australier schon erklären wollten, wie ‘tierfreundlich’ und ‘moralisch’ alles sei, bin ich nach wie vor der Meinung, dass genau diese Menschen in Ignoranz und Verblendung leben. Sie wollen es gezielt einfach nicht sehen, weil sie sonst mitverantwortlich sind.
Ein gutes Beispiel dafür ist Brads Bruder. Er geht mit seinem Hund sehr unmoralisch um und behandelt ihn überhaupt nicht artgerecht. Ich habe das mit Brad öfter angesprochen und auch vor seinem Vater erwähnt, von beiden kam jedoch kaum eine Reaktion, sie meinten bloß der Hund brauche Disziplin und Erziehung… Wie verhält man sich denn in so einer Situation? Weg sehen will und kann ich definitiv nicht. Er geht generell sehr respektlos und undankbar zit seinen Eltern und seinem älteren Bruder um.
Man kann jetzt argumentieren andere Länder, andere Sitten und ich sitze das jetzt einfach aus, da ich diese Verhaltensweisen selbst nicht anwende und jedes Tier gerecht behandle, aber dann wäre ich ja selbst nicht besser. Demnach stellt sich mir nun die Frage, was kann ich als einzelne, kleine Person dagegen tun? Wenn ich Menschen sehe, die ihre Tiere schlecht behandeln, spreche ich sie darauf an und geige ihnen meine Meinung, aber da argumentiert man ja auch gegen eine hohle Wand…
Diese Gedankengänge haben mich jetzt auch mehrfach vor die Frage gestellt, ob ich mein Farmwork für das Visum hier überhaupt ausüben möchte, da es sehr viele Situationen gibt, denen ich moralisch nicht zustimmen kann und will.
Kannst du diese Arbeit verrichten und dich dabei trotzdem wohlfühlen oder zwingst du dich wie viele andere Menschen dazu Dinge zu tun, mit denen du dich moralisch nicht auf einer Ebene siehst?
Auf der anderen Seite frage ich mich, muss man machmal einfach durch gewisse Situationen im Leben durch, um weiterzukommen oder redet man sich das einfach nur ein und geht an diesen Taten irgendwann 'kaputt', weil man nicht schwach wirken möchte?
Um jetzt aber zu dem Hauptauslöser für meine Wut und Trauer zu kommen, stelle ich eine Dokumentation vor, auf die ich durch Zufall nach weiteren Recherchen des 'Inscope21' Videos gestoßen bin.
Bei dem Film handelt es sich um 'Dominion' (engl. für Herrschaft), eine australische Dokumentation aus dem Jahr 2018. Die Dokumentation beschäftigt sich mit dem Umgang und dem Missbrauch sämtlicher Tierarten im australischen Raum (sei es Rind, Schaf, Huhn, Hund, Pferd - hier geht es um jegliche Misshandlung in Entertainment, Lebensmittel oder wissenschaftlichen Versuchsreihen). Dies gilt aber nicht nur für den australischen Boden, sondern auch für Deutschland, die Vereinigten Staaten, China, Spanien, das Vereinigte Königreich und und und... also eigentlich die gesamte menschliche Spezies.
Das Besondere an dieser Dokumentation sind die tiefgreifenden und bewegenden Videoaufnahmen. Die Produzenten haben es geschafft, unvorstellbare Situationen – von der Geburt bis zur kurz darauffolgenden Schlachtung – mit versteckten Kameras in den Schlachtanlagen festzuhalten. Nach diesen Bildern blieb mir nur eine tiefe, lähmende Enttäuschung über die Menschheit. Diese bestialische Grausamkeit macht mich absolut sprachlos. Es hat mich zutiefst schockiert und einen Ekel vor den Tätern in mir hinterlassen, dass mir beim Zuschauen übel wurde.
Ich empfehle diese Dokumentation allen, die der Realität ungeschönt ins Auge blicken möchten. Sie zeigt unzensiert, was im Hintergrund passieren kann, wenn die falschen Menschen an die Macht gelangen, damit Fleisch auf unseren Tellern landet.
Mit meinem Beitrag möchte ich niemanden verurteilen, auf die Füße treten oder zum Veganer machen. Mir geht es lediglich um das Bewusstsein: Wir sollten mehr hinterfragen, ob wir wirklich jeden Tag Fleisch brauchen, woher das Produkt tatsächlich kommt und wie die Tiere auf dem Weg dahin behandelt wurden.
Dies ist ein Thema, das mich schon lange beschäftigt und mir nach dieser Dokumentation und meinen 6 Monaten Aufenthalt in Australien umso mehr Bauchschmerzen und wirre Gedanken bereitet. So fand ich es sehr treffend meine Gedanken mal niederzuschreiben!
*Achtung* die Dokumentation ist definitiv nichts für schwache Nerven, da die Bilder schon in den ersten 5 Minuten gewalttätig und brutal sind.